Eine feministische Haltung in der Psychotherapie bedeutet für mich, Menschen nicht losgelöst von ihrem Lebenskontext zu betrachten.
Psychische Belastungen entstehen nicht nur „im Inneren“ eines Menschen. Sie entwickeln sich auch in Beziehungen, Familien, Arbeitskontexten, gesellschaftlichen Erwartungen und Machtverhältnissen. Besonders Frauen erleben häufig, dass sie früh lernen, sich anzupassen, Verantwortung zu übernehmen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, Grenzen zu übergehen oder Gewalt, Abwertung und Kontrolle zu normalisieren.
Eine feministische Perspektive bedeutet für mich deshalb: Ich nehme diese Zusammenhänge ernst.
Ich verstehe Psychotherapie nicht als Ort, an dem Frauen „funktionaler“ gemacht werden sollen. Vielmehr geht es darum, das eigene Erleben wieder ernst zu nehmen, innere und äußere Grenzen wahrzunehmen, Selbstachtung zu stärken und mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.
Dabei ist mir wichtig, individuelle Erfahrungen nicht vorschnell zu pathologisieren. Wenn eine Frau erschöpft, ängstlich, wütend, angepasst, misstrauisch oder innerlich abgeschnitten ist, kann das auch eine verständliche Reaktion auf belastende Beziehungserfahrungen, Überforderung, Rollenerwartungen oder Grenzverletzungen sein.
Eine feministische Haltung in meiner Arbeit ist wertebasiert: Sie orientiert sich an Selbstbestimmung, Würde, körperlicher und seelischer Unversehrtheit, Schutz vor Gewalt und der Achtung persönlicher Grenzen.
Das bedeutet nicht, dass jede Sitzung politisch ist. Es bedeutet aber, dass ich gesellschaftliche Strukturen, Macht, Abhängigkeit, Rollenbilder und Beziehungserfahrungen mitdenke, wenn sie für das Verständnis einer Belastung wichtig sind.
Mein Anliegen ist es, Frauen darin zu unterstützen, ein bedürfnisgerechteres, selbstachtungsvolles und freieres Leben zu führen — in einem Tempo und in einer Form, die zu ihnen passt.
Zum Weiterlesen
Bilek, Jennifer (2024). Transsexual, Transgender, Transhuman: Dispatches from the 11th hour. Spinifex Press.
Brunskell-Evans, Heather (2020). Transgender Body Politics. Spinifex Press.
Burman, Erica (1990). Feminists and Psychological Practice. Sage Publications Ltd.
Daly, Mary (1991). Gyn/Ökologie: Die Meta-Ethik des Radikalen Feminismus. Frauenoffensive.
Gavey, Nicola (2018). Just Sex? The Cultural Scaffolding of Rape. Routledge.
Graham, Dee (2024). Loving to survive: Auswirkungen sexueller Unterdrückung und männlicher Gewalt auf das Leben aller Frauen. Ulrike Helmer Verlag.
Göttner-Abendroth, Heide: alle Bücher [Matriarchatsforschung]
Happonen, T. (2017). Making the political personal. How psychology undermines feminist activism, Feminist Current. https://www.feministcurrent.com/2017/12/21/making-political-personal-psychology-undermines-feminist-activism/
Jeffreys, Sheila: alle Bücher; insbesondere Gender Hurts (2014), Beauty and Misogyny: Harmful Cultural Practices in the West (2014), Unpacking Queer Politics (2003), Die industrielle Vagina: Die politische Ökonomie des globalen Sexhandels (2008) und The Lesbian Revolution: Lesbian Feminism in the UK 1970 – 1990 (2018).
Jensen, Robert (2021). Das Ende des Patriarchats: Radikaler Feminismus für Männer. Spinifex Press.
Kitzinger, Celia & Perkins, Rachel (1994). Changing our Minds: Lesbian Feminism and Psychology. New York: Univ Print.
Klein, Renate (2022). Mietmutterschaft: Eine Menschenrechtsverletzung. Spinifex Press.
Marchiano, Lisa (2024). Vital Spark: Reclaim Your Outlaw Energies And Find Your Feminine Fires. Sounds True Adult.
Reist, Melinda Tankard (Hrsg.) (2022). He chose Porn over Me: Women Harmed By Men Who Use Porn. Spinifex Press.
Schon, Manuela (2022). Raus aus dem Genderkäfig: Der Kampf um Frauenbefreiung im 21. Jahrhundert. Tredition.
Von Werlhof, Claudia: alle Bücher [kritische Patriarchatsforschung und Transhumanismus-/Technikkritik]